Birgit Loos

Späte Sühne

Er war etwa zwanzig Jahre alt, aber er hatte das Gesicht eines uralten Mannes, der allen Schrecken dieser Welt gesehen hatte. Er saß mit dem Rücken zur Wand in der hintersten Ecke der Drogenberatungsstelle und sah mit aufmerksamen Blicken um sich, während er liebevoll seinen Hund streichelte. Dieser war ein Rassehund, ein Golden Redriver. Zwar sah der Hund genauso verwahrlost aus, wie sein Herrchen, doch Frank Cochrane hatte einen Blick für Hunde und Menschen und wusste sofort, die beiden dort hinten in der Ecke kamen aus einem guten Stall.
Obwohl der Junge in einer schlechten körperlichen Verfassung war, sahen seine Augen doch alles, was um ihn herum passierte. Frank faszinierte es, wie dieser Junge jeden Ankommenden mit brennenden Augen taxierte und bewertete.
Mehrfach hatte Frank den Jungen schon angesprochen und gefragt, ob er Hilfe benötigte, er hungrig oder durstig war, er zur Beratung wollte oder ins Methadon-Programm aufgenommen werden wollte. Doch der Junge hatte ihn nur verächtlich angesehen, seinen Hund gestreichelt und ihn genauso ignoriert, wie alle anderen, die versuchten mit ihm in Kontakt zu kommen.

Als die Drogenberatungsstelle an diesem Abend schloss, stand der Junge wortlos auf und ging mit seinem Hund hinaus in die Kälte. Frank hielt ihn an der Tür auf: „Warte! Es ist kalt, da draußen. Wenn Du schon keine Hilfe annehmen willst, dann nimm sie wenigstens für Deinen Hund an. Ich bin davon überzeugt, dass der viel lieber im Warmen wäre, als allein mit Dir da draußen in der Kälte.“ Er drückte dem Jungen eine warme Decke, die für alle Fälle im Lager der Beratungsstelle waren und sein Hamburger Brötchen, das er wegen der vielen Arbeit noch nicht gegessen hatte, in die Hand. Zuerst sah es so aus, als wolle der Junge die milden Gaben ablehnen, doch dann nahm er sie Frank doch aus der Hand und verließ ohne ein Wort des Dankes die Beratungsstelle.

Am nächsten Tag war der Junge wieder da. Zugedröhnt – wie Frank sofort erkannte. Er kam dieses Mal direkt auf Frank zu und fragte: „Wollen Sie mir noch immer helfen?“
„Klar.“ antwortete dieser. „Was kann ich für dich tun? Willst Du reden? Brauchst Du eine Beratung?“ Doch der Junge schüttelte den Kopf. „Ich will, dass Sie sich um Kelly kümmern. Ich muss etwas erledigen und kann sie dabei nicht gebrauchen. Und Sie sind er Einzige, dem ich sie anvertrauen kann, denn Kelly mag sie. Komischerweise. Aber sie hat sie gestern nicht angeknurrt, wenn Sie in meine Nähe gekommen sind. Bei allen anderen hat sie das getan. Deshalb denke ich, Sie sind der Richtige. Sie werden gut auf meine Süße aufpassen.“
Damit übergab er dem verdutzten Frank die Leine der Hündin, kniete sich neben diese und verabschiedete sich.
In Frank gingen alle Alarmanlagen an. Das war keine kurze Verabschiedung für ein paar Stunden. Das war viel mehr. Der Junge umarmte den Hund mehrmals, kraulte ihm das Fell und versuchte vergeblich seine Tränen zu unterdrücken. Der Hund spürte ebenfalls, dass hier etwas ganz und gar nicht in Ordnung war und schleckte wie wild über das Gesicht seines Herrchen und seine Hände, fiebte verzweifelt und gab ihm Pfötchen. Als der Junge schließlich aufsprang und aus dem Haus rannte, heulte der Hund verzweifelt auf.

Frank war seit mehr als sieben Jahren in der Drogenberatung tätig. Er kannte sich aus. 2
Nicht zuletzt dank eigenen leidvollen Erfahrungen. Er war sich sicher, dies hier war ein
Abschied für immer gewesen. Daran gab es für ihn nicht den geringsten Zweifel.
Dieser dumme Junge hatte aufgegeben. Er war offensichtlich am Ende und sah nur noch einen Ausweg: Den goldenen Schuß!
Für Frank, der einst vor der gleichen Entscheidung gestanden hatte und der nur dank eines engagierten Arztes ins Leben zurück geholt werden konnte, war diese Situation fast wie ein De ja veu.
Jetzt musste er für diesen Jungen tun, was andere einst für ihn getan hatten. Er mussten diesen Jungen retten, wenn seine Vergangenheit einen Sinn haben sollte. Jetzt war die Zeit gekommen, seine Schulden zu begleichen.

Er rannte mit dem Hund an der Leine auf die Straße und lief hinter dem Jungen her. „He! Du! Warte!“ Der Junge blieb stehen und wartete auf Frank. „Das kannst Du doch nicht so einfach machen. Ich habe zu arbeiten. Ich kann mich nicht um Deinen Hund kümmern. Nicht für ein paar Stunden und schon gar nicht für den Rest seines Lebens. Ich habe nur ein kleines Apartment, mit gerade mal Platz für dreißig Kakerlaken und mich, mitten in der Stadt. Dieser Hund braucht Platz, Auslauf, einen liebevollen Herrn, der Zeit für ihn hat. Du hast doch gestern den ganzen Tag in der Drogenberatung herumgehangen und hast gesehen, was dort los ist. Das ist kein Platz für einen Hund. Ich begreif sowieso nicht, wenn Du einen neuen Herrn für Kelly suchst, wieso Du dann in die Drogenberatungsstelle gehst. Dort sind nur Junkies, selbstsüchtige, egoistische drogenabhänigige Junkies. Die haben mit sich genug zu tun, die können sich nicht auch noch um einen Hund kümmern. Die wenigen, die mit Tiere kommen, stehen meist erst am Anfang ihrer Drogenkarriere oder sie verkaufen die Viecher irgendwann mal für einen Schuss. Da bringst du ihn besser ins Tierheim, da hat er vielleicht noch eine Chance einen neuen Herrn zu finden. Obwohl – die Tierheime sind so überfüllt, die meisten werden dann doch eingeschläfert.“
Der Junge riss Frank die Leine aus der Hand und funkelte ihn wütend an. „Wer sagt, dass ich Kelly loswerden will?“
Frank atmete auf. Endlich kam eine Reaktion von dem Jungen. ''“Das ist doch klar. Diese Abschiedsszene, die ihr da hingelegt habt, die war eindeutig. Du hast Dich für immer von Deinem Hund getrennt, weil Du Dich nicht mehr um ihm kümmern willst.“
„Ich will schon – aber ich kann nicht mehr. Ich muss was erledigen, aber das verstehen Sie sowieso nicht.“ ereiferte sich der Junge.
Frank nickte: „Ja, klar, die Erledigung kenne ich. Du willst Dir irgendwo in einem Hinterhof den goldenen Schuss setzen. Habe ich recht?“ Er sah wie der Junge die Farbe wechselte, nickte und erklärte dann: „Daraus wird nichts! Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich Deinen Köter übernehme, damit Du Dich aus dem Leben schleichen kannst. Nimm Deinen Hund und seh zu, wie Du mit der Verantwortung für ihn klar kommst, aber schiebe das nicht auf mich ab. Verstanden?“ Damit drehte er sich herum und ging langsam wieder auf die Beratungsstelle zu.
„Wer sagt denn das?“Ich will mich nicht aus dem Leben schleichen.“ widersprach der Junge.
„Hältst Du mich für blöd? Du bist wahrhaftig nicht der Erste, der hier bei uns auftaucht und sich derart benimmt. Ich kenne die Anzeichen.“
„Sie haben ja keine Ahnung. Sie wissen gar nichts.“ Die Stimme des Jungen klang verzweifelt. Frank trat auf ihn zu, schob seine Ärmel nach oben und zeigte dem Jungen seine vernarbten Arme.
„Ja, Du hast recht. Ich habe keine Ahnung. Das hier sind nur Tatoos, nichts weiter.Ich habe keinerlei Ahnung, was in Euren kranken Gehirnen vor sich geht. Ich mach das nur zu meinem Vergnügen.“
Frank wartete ab. Er wusste genau, dass er jetzt keinen Fehler begehen durfte, um den Jungen nicht zu verschrecken.
„Was glaubst Du, warum ich hier arbeite? Weil ich genau weiß, was mit Euch Kids los ist. Ich war selbst mal so ein Kid. Also wenn Du reden willst, ich warte drinnen auf Dich. Wenn nicht – Deine Entscheidung.“
„Was ist passiert?“ Der Junge hielt Frank fest und deutete auf seine Unterarme.
Frank schüttelte den Kopf: „Ich will Dich nicht mit meiner Geschichte langweilen. Jeder hier hat eine Geschichte. Ich wette, Du hast auch eine gute.
Übrigens meinen Hund, habe ich nie wieder gefunden, nachdem ich mir vergeblich den Goldenen Schuss setzen wollte. Er war einfach weg. Niemand wusste wohin. Gut möglich, dass ihn ein Hundefänger abgegriffen hat, als er an meinem leblosen Körper Wache gehalten hat.
Wenn Du nicht willst, dass Deinem Hund das gleiche Schicksal erfährt, dann komm jetzt mit mir rein und wir reden und sehen mal, wie wir Dir und Kelly helfen können. Vielleicht bist Du am Ende auch der Meinung, es würde sich lohnen, es doch noch einmal mit dem Leben aufzunehmen. Wenn auch nur für Kelly. Wie gesagt, Deine Entscheidung.“

Frank ging zurück, hoffend und betend, dass der Junge ihm folgen würde. Er wusste genau, er konnte nichts tun, wenn die Kids nicht wollten. Sie mussten die Beratung und die Hilfe von sich aus wollen, ansonsten war es, als rede man mit einer steinernen Statue.

Der Junge war direkt hinter Frank, als dieser die Beratungsstelle wieder betrat. Frank nickte und kümmerte sich dann erst einmal um den Hund. Gab ihm Wasser und – genau wie gestern – sein Hamburger-Brötchen. Danach holte er für sich und den Jungen eine Cola. „Hast du auch Hunger?“ fragte er ihn. Doch der Junge schüttelte nur den Kopf.
Also setzte sich Frank ihm gegenüber und wartete: „Ich dachte, Sie wollten reden. Also ich höre.“ Der Junge sah Frank auffordert an.
„Ich finde, wir sollten uns erst einmal vorstellen. Ich bin Frank. Es redet sich leichter, wenn man sein Gegenüber beim Namen nennen kann.“
Der Junge zuckte die Schultern. Es dauerte aber eine Weile bis er endlich antwortete: „Vor mir aus. Sie können mich Bill nennen. Das ist zwar nicht mein richtiger Name, aber was soll es.“
Frank nickte. „Also, was ist so schlimm, dass du meinst, Du müsstest Dich aus dem Leben wegschleichen und noch nicht einmal mehr Kelly kann Dich davon abhalten?“
Bill, oder wie auch immer er hieß, presste die Lippen zusammen und starrte zum Boden. Frank wartete geduldig. Er wusste, es dauerte eine Zeit, bis die Kids sich öffneten. Der Hund stieß Bill mit seiner Schnauze an, als wolle er sein Herrchen auffordern, endlich zu reden. Bill fing an den Hund zu kraulen, starte an Frank vorbei an die Wand und legte plötzlich los.
„Ich bin ein Mörder! Ich habe sie umgebracht! Erschossen! Ich habe sie einfach erschossen! Dabei hatte sie noch nicht einmal eine Pistole um sich zu wehren. Ich bin ein Mörder, ein feiger Mörder.“
Frank lief es eiskalt über den Rücken. Er starrte auf den Jungen, der jetzt leise vor sich hin weinte und dabei weiter stammelte: „Ich bin ein Mörder! Ich habe sie getötet.!“
Frank war versucht aufzustehen und die Polizei anzurufen. Das war eine Nummer zu groß für ihn. Er war kein ausgebildeter Sozialarbeiter, nur ein Ex-Junkie, der sich mit Hilfe engagierter Menschen aus dem Sumpf gezogen hatte und jetzt seine Berufung darin

suchte, anderen Menschen mit dem gleichen Schicksal zu helfen. Es gab noch heute Tage, an denen er sich nach einem Schuss sehnte, der ihm eine trügerische Auszeit aus dem Leben gewährte. Ausgerechnet er war hier unversehens in einem Alptraum gelandet, mit dem er nicht wusste, wie er damit umgehen sollte.
Er räusperte sich und versuchte seiner Stimme einen festen Halt zu geben, um von Bill weitere Informationen über den angeblichen Mord zu erhalten. „Wen hast Du erschossen? Wo? Bist Du sicher, dass sie tot ist?“
Frank konnte sich nicht erinnern, dass er in den letzten Tagen etwas von einem Mord in der hiesigen Drogenszene gehört hatte. Der Junge schluckte seine Tränen hinunter und sah Frank verständnislos an: „Selbstverständlich weiß ich, dass sie tot ist. Wir haben sie doch beerdigt. Meine ganze Familie war da, die Presse, sogar das Fernsehen. Und die Polizei. Aber die haben rein gar nichts gemacht. Nur ein paar blöde Fragen gestellt, dann sind sie auch schon wieder abgehauen. Alle sagten, wie leid es ihnen täte, aber ich könne ja nichts dafür. Ich wäre ja noch so klein und hätte noch keinen Verstand. Ich wüsste ja gar nicht, was ich getan hätte. Aber ich weiß es genau!“ schrie er.
Bill liefen jetzt die Tränen ungehindert über die Wangen, während sein Hund kleine Fieblaute ausstieß und ganz offensichtlich mit seinem Herrn litt.
Frank aber verstand gar nichts mehr. Er wartete etwas bis Bill sich wieder beruhigt hatte, während er beschloss, die Polizei vorerst noch nicht zu verständigen. Erst wollte er die ganze Geschichte erfahren.
„Sie halten mich für völlig durchgeknallt, stimmts?“ fragte Bill.
„Nein! Ich kann mir noch gar kein Urteil erlauben, weil ich nur ein paar unzusammenhängende Sätze von Dir gehört habe. Aber ich bin ganz Ohr, wenn Du mir die ganze Geschichte erzählen willst.“
Bill nahm einen großen Schluck Cola, wischte sich über die Lippen und nickte dann. „Ja, es ist vielleicht ganz gut, wenn ich die Geschichte mal jemanden erzähle, der kein Therapeut oder Psychiater oder so was ist, sondern ein normaler Mensch. Aber ich warne Sie, das ist keine schöne Geschichte.“
„Ach, weißt du – schöne Geschichten habe ich hier noch nicht gehört.“ versuchte Frank den Jungen zu beruhigen.

Bill erzählte seine Geschichte und Frank revidierte seine Meinung, dass er schon alle schlimmen Geschichten in seinem bisherigen Leben gehört habe. Bills Story übertraf sie alle.

Bill war fünf Jahre alt, als es geschah. Er und seine drei Jahre alte Schwester wuchsen in Kentucky auf einer Farm auf. Die nächste Stadt war etwa eine halbe Stunde entfernt, der nächste Nachbar fünfzehn Minuten.
Bills Eltern waren fromme Methodisten. Sie gingen jeden Sonntag zur Kirche und beteten für das Wohl ihrer Familie und das Gedeihen der Felder. Sie waren gute Amerikaner – Patrioten.
Eine Bilderbuchfamilie. Oder eher eine Satire, wie Frank fand. Bilderbuchfamilien gab es seiner Meinung nach nicht. Jede Familie hatte irgendwo ein dunkles Geheimnis, ein schwarzes Schaf – wenn man lange genug danach stocherte fand man in jeder Familie den dunklen Punkt.
Sei es drum – Bills Eltern waren jedenfalls stolze Amerikaner, die für die Verfassung eintraten, namentlich für das Recht auf Waffenbesitz.

Bill erhielt bereits zu seinem vierten Geburtstag sein erstes Gewehr – eine sogenannte Kinder Rifle. Er platzte vor Stolz über sein Geschenk und strahlte genauso wie der Junge auf dem entsprechenden Werbeplakat für diese Rifle.

Im Alter von fünf Jahren beherrschte Bill seine Rifle bereits perfekt. Sein Dad ging regelmäßig mit ihm zum Übungsplatz und ließ Bill auf Konservendosen schießen und später auch auf Kaninchen, die zu Dutzenden auf den Feldern seines Vaters herum rannten. „Verdammte Parasiten“ nannte Dad sie. In zwei von fünf Fällen traf Bill die Kaninchen und er war stolz, wenn sein Dad ihn aufgrund seiner Treffsicherheit lobte.

Sein Dad erklärte ihm auch, dass Bill die Waffe nur dann gegen Menschen richten und abdrücken dürfe, wenn diese „wirklich, wirklich böse“ waren. Er musste das seinem Vater feierlich versprechen, nie aus Wut und gekränkter Eitelkeit auf einen Menschen zu schießen, sondern nur dann, wenn dieser „wirklich, wirklich böse“ war.

An dem bewussten Tag war Bills Mutter im Hühnerstall und sein Dad weit draußen auf den Feldern. Bill spielte mit seiner Schwester im Garten. Er hatte alle seine geliebten Action-Figuren aufgebaut und wollte seine Armeen gegen die Bösen schicken, die Amerika Böses tun wollten. Plötzlich aber stellte er fest, dass Captain America fehlte.
Seine kleine Schwester Kelly hatte ihn sich einfach genommen, ohne Bill zu fragen. Captain America saß jetzt zwischen ihren Puppen und Plüschtieren und musste an einer Teeparty teilnehmen. Dabei brauchte Bill ihn dringend für die Rettung der Welt. Er verlangte Captain America unverzüglich von Kelly zurück. Doch diese drückte die Actionfigur nur an sich und war nicht willens sie wieder zurück zu geben. Captain America müsse erst mit seiner Familie Tee trinken, erklärte sie, dann könne er wieder die Welt retten.
Es kam zum Streit. Bill zerrte an den Füßen der Actionfigur und Kelly am Kopf und plötzlich -. keiner wusste wie es genau geschehen war, hatte Kelly den Kopf in den Händen und Bill hielt nur noch den Torso.
„Du hast ihn kaputt gemacht.“ schrie Bill seine Schwester an. „Du bist wirklich, wirklich böse. Wer soll den jetzt noch die Welt retten, wenn es Captain America nicht mehr gibt?“
Bill drehte sich wütend um und lief ins Haus. „Ich werde Dich bestrafen. Das wirst Du noch bereuen.“ rief dabei. Hinter sich hörte er Kellys Schluchzen. „Das war ich nicht. Du hast ihn kaputt gemacht. Du hast nicht los gelassen.“

Aber Bill hörte nicht mehr hin. Er dachte an seinen Dad. Was hatte dieser zu ihm gesagt: „Versprich mir, dass Du die Waffe nur dann gegen Menschen richtest, wenn diese wirklich, wirklich böse sind.“ Wer war böser, als jemand der Captain America tötete?

Der Schuss traf Kelly mitten in die Brust. Sie verblutete noch bevor der Krankenwagen die Farm erreichte.

Überall in den Nachrichten und in den Zeitungen wurden über Bill und seine Schwester berichtet. Mummy und Daddy weinten und Daddy betonte immer wieder, dass er es nicht verstehen könne, wie das passieren konnte, denn Bill habe gelernt mit der Waffe umzugehen.
Bill verstand seinen Dad nicht. Er konnte mit der Waffe umgehen. Er hatte doch getroffen, genau wie auf dem Übungsplatz. Wieso sagte sein Dad dann solche Dinge?
3
Die Polizei kam und befragte Bill und seine Eltern. Irgendwann legte sich die ganze Aufregung wieder. Man war zu dem Schluss gekommen, dass Bill noch viel zu klein wäre und nicht verstehen konnte, was er getan hatte.

Kelly wurde beerdigt und erst da kam es Bill in den Sinn, dass Kellys Bestrafung wohl schlimmer war, als er es sich je hatte vorstellen können. Sie wurde hier ganz allein in einen dunklen Sarg gesperrt – ohne Mummy und Daddy. Das war schon schlimm genug. Aber als die Männer dann auch noch damit begannen, das dunkle, tiefe, unheimliche Loch, in das sie Kellys Sarg versenkt hatten, mit Erde zu füllen, schrie Bill entsetzt auf. Das durfte nicht geschehen. So böse war seine kleine Schwester doch gar nicht gewesen. Dad hatte Captain America längst wieder repariert. Es war alles nur halb so schlimm gewesen. Kelly hatte es nicht verdient, allein in dieses dunkle Loch gesperrt zu werden. Er musste dafür sorgen, dass Mummy und Daddy Kelly mit nach Hause nahmen. Bill ging deshalb schreiend auf die Leute los, die Kelly mit Erde bewarfen. Er schrie und tobte und sein Dad musste ihn festhalten und wegtragen.

„Ich habe erst Monate später verstanden, dass Kelly nie mehr wieder kommen würde,dass sie tot war, dass ich sie getötet habe. Alle sagten mir wieder und wieder, dass mich keine Schuld an ihrem Tod trifft. Ich wäre noch so klein gewesen. Meine Eltern, meine Therapeuten – alle sagen mir das. Auch heute noch. Aber ich weiß, dass es nicht stimmt. Ich habe meine Schwester getötet, weil ich es wollte. Nur weil sie einer blöden Actionfigur den Kopf abgerissen hatte.“

Bill schluckte die wieder aufsteigenden Tränen hinunter und forderte Frank dann auf: „So, jetzt sind Sie dran. Was wollen Sie tun, um mich zu retten? Mich kann keiner retten, denn ich verdiene keine Rettung!“
Frank schluckte. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Diese Familientragödie überstieg seine Vorstellungen. „Wie ging es weiter?“ fragte er hilflos, weil ihm sonst nichts anderes einfiel.
Bill zuckte die Achseln: „Alle wollten zurück zum Alltag. Alle wollten, dass ich vergaß, was ich getan hatte. Doch das konnte ich nicht. Niemand konnte mir helfen, obwohl meine Eltern mich zu allen möglichen Therapeuten und Psychiater schickten, die sie auftreiben konnten.
Mit sechzehn bin ich abgehauen. Nicht das erste Mal, aber dieses Mal für immer. Dieses Mal hatte ich alles besser vorbereitet, niemand hat mich dieses Mal gefunden und zurück gebracht. Vielleicht wollten sie mich auch nicht mehr finden, weil sie aufgegeben hatten. Jedenfalls habe ich mir gedacht, ich mache es wie alle Verbrecher und gehe in den Westen.“ Er lachte bitter auf. Dann fuhr er fort: „Die Drogen waren eine logische Konsequenz. Einmal – nur für einen kurzen Augenblick – ohne diese Schuldgefühle sein – dafür würde ich Rattengift schlucken. Die Drogen helfen mir es wenigstens für kurze Zeit zu vergessen.“
„Und der Hund?“ fragte Frank, dem noch keine Idee gekommen war, wie er dem Jungen helfen konnte.
„Kelly ist mein Hund. Mein Dad hat ihn mir geschenkt. Wo ich hingehe, geht auch Kelly hin. Ich hätte sie nie dort gelassen. Mein Dad hasst sie, weil ich sie Kelly genannt habe. Aber es gab keinen anderen Namen, den ich ihr geben konnte.Als ich sie bekommen habe, sah sie mich mit genau den gleichen großen Augen an, wie Kelly, bevor der Schuss sie getroffen hat. Ich musste die Hündin Kelly nennen. Nicht wahr, meine Süße – du warst von Anfang an meine Kelly.“

Bill schaute Frank an und fragte höhnisch: „Was ist? Hat es Dir die Sprache verschlagen? Kann ich jetzt endlich gehen? Soll ich Kelly bei Dir lassen oder mitnehmen?“
„Willst Du denn wirklich gehen?“ fragte Frank. „Vielleicht gibt es ja einen Grund, warum Du ausgerechnet hier her gekommen bist. Du willst im Grunde gar nicht sterben. Du willst von mir das Gleiche hören, wie von all Deinen Therapeuten, Deinen Eltern und der Polizei. Du warst zu klein. Du wusstest nicht, was Du getan hast.
Aber denk doch mal einen Augenblick nach. Vielleicht hast du wirklich keine Schuld an dem Tod Deiner Schwester, oder nur eine geringe Schuld. Ich glaube, dass Deine Eltern die größte Schuld am Tod ihrer Tochter haben, nicht Du.“
„Wieso denn? Ich habe geschossen!“ wandte Bill verzweifelt ein.
„Himmel, Herrgott! Ja, Du hast geschossen. Aber welcher Idiot gibt einem Fünfjährigen eine geladene Waffe in die Hand. Da brauche ich mich doch nicht zu wundern, wenn das in einer Katastrophe endet. Welcher Fünfjährige ist geistig so reif, um zu kapieren, was wirklich, wirklich böse bedeutet?
Anstatt Dir so ein blödes Versprechen abzunehmen, hätte Dein Vater Dir erst einmal erklären sollen, was wirklich, wirklich böse Menschen sind.
Und weißt Du was? Das kann man nicht erklären, weil jeder Mensch darüber eine andere Vorstellung hat. Schau Dir die Drogenberatung an. Etliche Menschen, die in unserer Nähe wohnen und arbeiten, halten uns für böse, die wir in der Drogenberatung arbeiten und erst recht die Menschen, die bei uns Hilfe suchen. Denn es handelt sich hierbei um Junkies, Stricher, Huren, Diebe und Bettler und wir versuchen diesen Leuten zu helfen. Es gibt eines Menge Menschen, die uns dafür hassen und verachten. Für andere wiederum sind wir die Engel der Straße. Sie unterstützen uns mit Gelder und anderen Hilfsmittel. Alles ist relativ – auch das Böse. Verstehst Du?
Meiner Meinung nach bestrafst Du Dich seit Jahren für etwas, an dem Du nur eine geringe Mitschuld trägst. Die Hauptschuldigen in meinen Augen sind Deine Eltern, die Dir diese Waffe in die Hand gedrückt haben, obwohl Du noch nicht reif genug warst. Die Gesellschaft, die es in Ordnung findet, dass jedermann eine Waffe kaufen und damit herum ballern darf, solange er nicht vorbestraft ist und die Waffenlobby, die eh nur ihren Profit im Auge haben und deshalb Gewehre für Kinder entwickeln.
Hätten Deine Eltern nicht aus falsch verstandenem Patriotismus und irrealer Angst vor dem Bösen ihrem Vierjährigen keine Waffe gekauft, dann würden Du und Deine Schwester heute auf Eurer Farm glücklich und zufrieden Euren Weizen oder was weiß ich ernten, mit Euren Freunden ausgehen und mit Jungs bzw. Mädchen flirten, was das Zeug hält.
Aber Du bist der Einzige, der sich seit Jahren für diesen Unfall oder dieses Verbrechen, wie Du glaubst, bestraft. Hast du jemals mit Deinen Eltern so offen über Deine Gefühle gesprochen? Haben Deine Eltern jemals offen mit Dir über diese Tragödie gesprochen?“

Bill schüttelte den Kopf. „Nein!“
„Nun, warum tust du es dann nicht? Rede mit Ihnen, so wie du mit mir geredet hast. Tu es, bevor Du Dein Leben wegwirfst. Du bist vielleicht überrascht, welche Schuldgefühle sie haben.“
Der Junge blickte nachdenklich auf den Boden. „Das muss ich mir überlegen.“ sagte er nach einer Weile.
Frank nickte. „Klar. Wenn Du willst, dann nehme ich dich ausnahmsweise mit zu mir nach Hause. Du schläfst eine Nacht darüber und morgen früh, reden wir weiter.“
„In Dein Apartment, das Du mit den dreißig Kakerlaken teilst?“ grinste Bill.
Frank lachte: „Für eine Nacht wird es schon gehen.“

Am nächsten Morgen waren der Junge und sein Hund schon verschwunden, lange bevor Frank aufwachte. Er ärgerte sich ein bisschen darüber, doch dann zuckte er mit den Schultern und ging wieder an seine Arbeit. Er hatte getan, was er konnte, mehr als das. Wenn die Kids sich nicht helfen lassen wollten, dann hatte man keine Chance. Jeden Tag kamen neue Jugendliche in die Beratungsstelle und erhofften sich Hilfe und Schutz. Er konnte seine Zeit nicht mit Gedanken an diesen Jungen verschwenden, der sich nicht helfen lassen wollte.

Zwei Wochen später saß Frank abends in seiner Lieblingsbar und trank ein Bier. Die Nachrichten liefen und plötzlich wurde ihm eiskalt, als er diesen Bericht hörte.

„Der Führer der Molkerei fand die Leichen von William Shanton und seiner Frau Alice und deren neunzehn Jahre altem Sohn, William jun., heute Nachmittag in der Scheune bzw. im Farmhaus der Familie Shanton auf, als er wie verabredet die Milch abholen wollte.
Offensichtlich ist dies der grausame Schlusspunkt einer Familientragödie, die vor vierzehn Jahren ihren Anfang hier auf dieser Farm genommen hatte.
Damals hatte der gerade fünf Jahre alte William Shanton seine drei Jahre alte Schwester Kelly mit seiner Kinder-Rifle erschossen.
Wie uns ein Nachbar der Familie Shanton erzählte, war William seit dieser Zeit in Therapie gewesen, bis er vor vier Jahren spurlos verschwand. Er war nie über den Tod seiner Schwester hinweg gekommen.
Die Ermittlungen der Polizei haben ergeben, dass William Shanton jun. heute morgen plötzlich wieder auf der Farm seiner Eltern aufgetaucht ist und diese mit der Waffe seines Vaters regelrecht hingerichtet hat.
Danach hat er seinen Hund Kelly getötet, bevor er sich mit der gleichen Waffe selbst richtete. Über ein mögliches Motiv ist noch nichts bekannt.“

In diesem Moment sehnte sich Frank nach einem Vergessen im Drogenrausch.
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